Montag, 4. März 2024
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Silvi
Interview mit Nico Sommer

Interview mit Lina Wendel


Lina Wendel als Silvi
ssssauer.Film
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Lina Wendel, geboren und aufgewachsen in Berlin, studierte von 198489 an der Hochschule fr Schauspielkunst Ernst Busch. Anschlieend wurde sie von Peter Sodann fr das Neue Theater in Halle an der Saale engagiert. Sie spielte auerdem an verschiedenen Theatern in Hamburg und Berlin und war 19962000 Ensemblemitglied am Staatstheater Cottbus. Whrend dieser ganzen Jahre drehte sie auch diverse Film- und Fernsehproduktionen.

Haben Sie, als Ihnen diese Rolle angeboten wurde, nur das Glck so einer komplexen Rolle empfunden, oder auch gleich die enorme Herausforderung gesehen?

Nico Sommer hat mir die Geschichte vorab erzhlt. Ich fand sie toll, uns war aber auch klar, dass der Film ein Drehbuch braucht, weil es zu schwierig wre, das alles zu improvisieren. Julia Stiebe schrieb das Drehbuch, die Grundlage, die es brauchte. Allerdings las es sich fr mich persnlich an einigen Stellen eher wie ein Porno. Danach haben wir immer wieder kreative, hitzige Diskussionen darber gefhrt, um den Kern der Geschichte zu finden. Geht es darum, zu zeigen, wie meine Brust aussieht und welche Stellungen mglich sind? Wie Lina Wendel mit 48 aussieht? Oder geht es darum, vom Glck oder Unglck eines einsamen Menschen zu erzhlen, der versucht sich zu finden?

Es ging in diesen Gesprchen also vor allem um die Balance zwischen Zeigen und Verbergen?

Unbedingt, weil man diesen Irrsinn ja nicht zeigen muss, er sollte vielmehr im Kopf des Zuschauers entstehen. Alles zu zeigen, was mglich wre, ist langweilig. Das war letztlich die groe Herausforderung.

Nico Sommer arbeitet in starkem Mae ohne Drehbuch, mit sehr viel Improvisation: Wie haben Sie das empfunden?

Ich wollte schon lange mal ausprobieren, wie das ist, wenn man sich nicht verstecken kann, hinter einem Kostm, hinter einem fertigen Text, hinter der vierten Wand, wie im Theater. Es gab keine festen Dialoge, die haben wir erst beim Drehen aus der Situation heraus erarbeitet. Wir wussten, was in der Szene erzhlt werden sollte, dann lief die Kamera und los ging's.

Die Szene mit Peter am Tisch, als er mich zum ersten Mal zu Hause besucht, haben wir beispielsweise in einem Satz von Anfang bis Ende gedreht. Auch die Szene an der Imbissbude ist komplett improvisiert, was ungeheuren Spa gemacht hat. Ganz authentisch zu sein, ist sehr schwer, doch Nico hat ein tolles Gespr dafr, wenn man mal nicht echt spielt. So frei zu drehen hat sehr viel Spa gemacht, weil ich mich dem Regisseur am Set wirklich anvertrauen konnte. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit mit dem Kameramann, dem Regisseur und meinen mnnlichen Kollegen, in einem wirklich gleichberechtigten Ensemble.

Wieviel von Ihrer eigenen Persnlichkeit rutscht denn in eine so stark improvisierte Rolle?

Ganz kann ich mich ja nie von einer Rolle trennen, man trgt immer einen Anteil des eigenen Lebens in die Rolle. Dennoch ist es eine komplette Figur, weil ich das, was diese Frau erfahren hat, ja selbst nie gelebt habe. Ich bin ein ganz anderer Mensch als Silvi. Allerdings glaube ich, dass viele Menschen die Sehnsucht haben, sich mal zu trauen, so etwas auszuprobieren.

Dennoch fragt man sich in den Interviewpassagen hin und wieder, wer da antwortet: Ist das wirklich nur Silvi oder doch auch Lina Wendel?

Immer die Silvi, anders geht das ja gar nicht. Wenn ich da sitzen wrde, wre etwas ganz anderes entstanden. Man hat beim Drehen immer die Struktur der Figur im Kopf, alles, was schon gedreht und von dieser Frau erzhlt wurde, fr die es ja auch einen dramaturgischen Handlungsbogen gibt. Man hat immer im Blick, was schon im Kasten ist und was noch erzhlt werden muss. Dennoch spielen da natrlich auch meine Trume und Sehnschte hinein. So eine Stelle, in der ich sage Wenn Dich niemand umarmt, wirst du eben zum Einzelkmpfer, damit knnen sich meiner Meinung nach sehr viele Menschen identifizieren.

Warum, denken Sie, hat sich so ein junger Regisseur wie Nico Sommer gerade fr dieses Thema interessiert?

Ich habe ihn in Kassel ber ein studentisches Filmprojekt kennengelernt. Und dann kam er eines Tages in das kleine politische Kabarett, in dem ich spiele. Noch whrend seiner Studienzeit hat er sich kurzerhand selbstndig gemacht, eine Produktionsfirma gegrndet, und mit Ende zwanzig einen wunderbaren Diplomfilm gedreht, eine Langzeitdokumentation ber vier Musiker, die versuchen, von ihrer Musik zu leben. Er hat vier Jahre lang immer in seiner Freizeit mit eigenem Geld gedreht! Das erinnert mich an die Werte, fr die ich selbst einmal losgezogen bin. Es ist schon etwas Besonderes, wie Nico die Zeit, in der wir leben, abbildet, ohne dabei auf die Trnendrse zu drcken.

Das ist ein sehr dokumentarischer Ansatz in der Fiktion: Was bedeutet Ihnen die Realitt in Ihrer Arbeit?

Man kann den Beruf nicht von der Zeit abkoppeln, in der man lebt. Die meisten Schauspieler ergreifen diesen Beruf, weil sie eine schlimme Kindheit hatten und das in die Welt hinausschreien wollen, um es ins Positive zu wenden. Als Kind habe ich mal Jane Fonda gesehen, und dachte, das ist toll: Sie ist berhmt, hat viel Geld und setzt sich fr den Tierschutz ein, das wollte ich auch machen, berhmt werden und dann in die Politik gehen, um die Welt besser zu machen.

Das war mein Ansatz, nun war es in DDR-Zeiten ja so, dass man bei einem Satz ber die Gedankenfreiheit eine Stecknadel im Zuschauerraum fallen hren konnte, heute interessiert das niemanden mehr. Ich bin ja komplett ohne Bcher gro geworden, ohne Literatur und ohne Kunst, sozusagen im fnften Hinterhof. Heute wei ich, was fr eine unglaubliche Kraft das ist.

Der Wunsch, die Welt zu verndern, war ein kraftvoller Motor. Sie besser zu hinterlassen, wie Brecht sagt, nicht nur im Dasein gut zu sein, sondern wirklich die Welt als Besseres zu hinterlassen, das war ein groer Wunsch. ber den Roten Teppich zu gehen, fllt mir schwer, weil das ausschlielich mit Eitelkeiten zu tun hat und nicht mit Inhalten. Doch jetzt ber den roten Teppich zu laufen, mit einem Film, der viele Gefhle auslst und viele Seelchen anspricht, bedeutet mir sehr viel.

Die klassische Frauenrolle ber vierzig ist die verlassene Ehefrau, die zurckbleibt, nachdem der Mann mit einer Jngeren abgehauen ist. Silvi dagegen wechselt vom Beifahrersitz des Lebens auf den Fahrersitz. Spiegelt sich darin fr Sie auch eine gesellschaftliche Vernderung?

Ich bin durch die DDR geprgt und dadurch ganz anders sozialisiert. Diese Frage stellte sich mir gar nicht, wir waren alle selbstndig, wir hatten alle eine feste Arbeit. Es gab Krippen und Kindergartenpltze, da musste keine Frau als Heimchen am Herd stehen bleiben. Dennoch beobachte ich um mich herum, dass die Frauen mehr Mut haben, alleine zu leben. Es ist ja auch vlliger Quatsch, man kann doch mit sechzig noch mal die Welt umsegeln, oder auch ein Studium anfangen. Das Problem ist eher, dass wir in Gewohnheiten festgefahren sind, doch ich denke, die Frauen werden da immer mutiger.

Was bedeuten Ihnen denn Schlagertexte wie So schn kann doch kein Mann sein, dass ich ihm lange nachwein oder Ich hab beinah dreiig Jahre gebraucht, um zu sein, wie ich eigentlich bin?

Ohne sie bewusst gehrt zu haben, kannte ich die Texte, weil meine Mutter und meine Oma Gitte Hnning sehr verehrt haben. Doch als ich mir das Lied jetzt angehrt habe, wusste ich sofort, wohin Nico emotional mit dem Film will. Ich glaube, dass es vielen Frauen so geht: Mit 22 ist man ja noch bld, man wei ja noch nicht viel vom Leben und von der Liebe, und kann ja auch nur aus dieser Naivitt heraus gleich mit einem Mann zusammenzuziehen.

Warum machen Sie sich im Kino so rar?

Das liegt vor allem daran, dass mich niemand kennt. Ich werde immer gefragt, ob ich lange darber nachgedacht habe, mich auf diesen Film einzulassen! Aber nein, ich habe mich gefreut, dass so ein junger Kerl Lust hat, mit mir zu drehen, was ja nicht nur fr mich, sondern auch fr ihn ein Wagnis war. Quelle: Bildkraft; Interview: Anke Sterneborg ■ mz

4. Oktober 2013
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OT: Silvi
Drama
D 2013
97 min
FSK 16


mit

Lina Wendel (Silvi)
Thorsten Merten (Michael)
Harald Polzin (Uwe)
Ivn Gallardo (Juan)
Peter Trabner (Thomas)
Judith Steinhuser (Karin)
Leni Wesselman (Susann)
Gerdy Zint (Paul)
u.a.

drehbuch
Julia Stiebe
Nico Sommer

musik
Gitte Hnning

kamera
Alexander du Prel

regie
Nico Sommer

produktion
Ssssauer Filmproduktion

verleih
Bildkraft

Kinostart: 3. Oktober 2013