Dienstag, 22. Mai 2018
I, Tonya
Ihre Mutter bringt die 3-jährige Tonya zum ersten Mal aufs Eis.
© dcm
1991 gewann Tonya Harding die US-amerikanische Meisterschaft im Eiskunstlauf und war die erste Frau, der im Rahmen eines Wettbewerbs ein dreifacher Axel gelungen war. Drei Jahre später stand sie im Mittelpunkt des größten Skandals der Sportgeschichte. Aber wer war Tonya Harding wirklich? Was wusste sie über den Angriff auf Nancy Kerrigan und wann hat sie davon erfahren? War sie tatsächlich das herzlose Monster, als das die Medien sie inszenierten?
»Are you a flower or a gardener?«
In jeder Hinsicht war Tonya Harding ein höchst ungewöhnlicher Star in der Welt des Eiskunstlaufs. Sie wuchs in armen Verhältnissen unter einer misshandelnden, alkoholkranken Mutter auf und wurde als Kind wegen ihrer burschikosen Art oft angefeindet. Das Eis wurde schon recht früh zu einer Zuflucht für sie – und zu einem Ort, an dem sie mit ihrer starken, athletischen und angriffslustigen Technik auftrumpfen konnte. Spätestens mit dem Dreifach-Axel hatte sich Tonya Harding an die Spitze des amerikanischen Sports gearbeitet und weltweiten Ruhm erlangt.
Ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan dagegen galt als Vorzeigeathletin einer Sportart, die ihre Sportlerinnen gerne als „Prinzessinnen auf dem Eis“ inszeniert und bei der nicht nur die sportliche Leistung, sondern auch Vorstellungen von Weiblichkeit und Klasse eine entscheidende Rolle spielen. Dagegen brachten Tonya Hardings aggressiv anmutende Auftritte in selbstgenähten Kostümen zu Musik von ZZ Top den Spitznamen „Eishexe“ ein.
Es waren diese scheinbaren Gegensätze der beiden Frauen, die die Geschichte um den weltberühmten „Vorfall“ zu einem Wegbereiter für die Ära der 24-Stunden-Nachrichten im US-Kabelfernsehen machten – eine Ära, in der Kameras plötzlich überall waren und zahlreiche Sendeplätze mit Dauerskandalen gefüllt werden wollten.
»Tonyas Story war der erste große Medienskandal in der Ära der Nonstop-Berichterstattung, noch bevor der Prozess um O.J. Simpson die Medienlandschaft für immer verändert hat«, sagt Margot Robbie, die für diese Rolle prädestiniert zu sein schien. »Die Geschichte wurde von den Medien ausgeschlachtet, die Nancy und Tonya als erbitterte Rivalen inszenierten, obwohl sie in Wahrheit beide einfach große Sporttalente waren.« Die Öffentlichkeit war in zwei Lager gespalten – entweder man hasste Tonya oder liebte sie.
»Why can't it be only about skating?!«
Der Skandal polarisierte und entwickelte sich zu einem Quotenhit und einem Vorreiter des Reality-TVs, das auf Freund/Feind-Muster und stereotype Charakterisierungen setzt. Der Auftritt der beiden bei den Olympischen Spielen 1994 ist bis heute eines der Sportereignisse mit den höchsten Einschaltquoten. »Zu Beginn denkt man, man sehe einen Film über diesen berühmt-berüchtigten Vorfall«, sagt Allison Janney, die für ihre Darbietung von LaVona Harding mit einem Oscar® ausgezeichnet wurde. »Tatsächlich geht es aber um das Leben einer jungen Frau und in welchen Verhältnissen sie aufgewachsen ist. Diese Ereignisse zeigen, wer sie wirklich ist und wie es dazu kam, dass sie sich in all diesen Situationen wiedergefunden hat.«
Drehbuchautor Steven Rogers hatte sich mit den Drehbüchern zu romantischen Komödien und Dramen wie P.S. Ich liebe dich und Seite an Seite einen Namen in Hollywood gemacht, war mit seinen Erlebnissen im Umgang mit Major-Studios aber so frustriert, dass er seinen Abschied aus dem Filmgeschäft vorbereitete. Doch dazu sollte es nicht kommen, denn als er eines Abends die ESPN-Dokumentation The Price of Gold sah, fand er einen Stoff, in dem er die Möglichkeit sah, sich selbst als Autor neu zu erfinden. Er flog nach Portland, um Tonya Harding und ihren Ex-Mann zu interviewen.
Von Anfang an verstand sich der Autor gut mit Tonya Harding, und zu seiner Überraschung war auch ihr Ex-Mann Jeff Gillooly bereit, mit ihm zu sprechen. Abgesehen von wenigen Kurzinterviews in den 90ern waren dessen genaue Beweggründe bis dato nicht bekannt. »Ich weiß nicht, wieso er mir all das erzählt hat, aber ich bin froh darüber«, sagt Steven Rogers. Er musste feststellen, dass er zwei völlig unterschiedliche Schilderungen der Geschehnisse zu hören bekam, und begann damit, sein Drehbuch auf Basis der Interviews zu formen.
»Ich konnte so alle verschiedenen Seiten beleuchten und das Publikum entscheiden lassen, was davon es glauben möchte und was nicht.« Zudem begann er damit, im Internet nach Bild- und Tonmaterial zu suchen und wurde schnell fündig. Viele O-Töne wurden 1:1 ins Skript eingebaut, etwa Interviewpassagen von Shawn Eckardt und seltene Aufnahmen von Tonyas Mutter LaVona Harding.
2016 landete das Drehbuch schließlich bei Margot Robbies Produktionsfirma LuckyChap, die darin eine Paraderolle für den gefragten Star sah, und ein Projekt, das perfekt zu ihrem Ziel passte, Filme mit starken weiblichen Figuren zu produzieren. Ironischerweise hatte die australische Schauspielerin bis dahin nichts von dem Harding-/Kerrigan-Skandal gehört und glaubte anfangs sogar, dass es sich um eine fiktive Geschichte handelte. Sie hatte in ihrer Kindheit und Jugend im australischen Nirgendwo kaum Zeit vor dem Fernseher verbracht. »Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, bewunderte ich die Kreativität des Autors, sich die Geschichte dieser verrückten Figur auszudenken, die in einen haarsträubenden Skandal in der Welt des Eiskunstlaufs verwickelt ist«, sagt sie.
»The storyline is disappearing right now. WTF?!«
Gespickt mit den mit den Schauspielern neu gedrehten Interviews erzählt I, Tonya mit einer fantastischen Mischung aus Gefühl und Humor sowie einer gleichzeitig bedrohlich und aufregend wirkenden Erzählstruktur aus dem Eiskunstlauf-Leben der Titelfigur - vom ersten Auftritt mit 3 Jahren bis hin zum Skandal, der ihre Karriere zerstörte.
Margot Robbie und ihr australischer Regisseur Craig Gillespie flogen sogar nach Portland, um sich mit der mittlerweile 44-jährigen Tonya Harding zu treffen, die zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahrzehnt nicht mehr im Rampenlicht gestanden hatte. »Ich war sehr gespannt darauf, sie zu treffen, wusste aber, dass es nicht meinen Erwartungen entsprechen würde«, erzählt die Schauspielerin und Produzentin.
»Sie ist eine taffe Frau, die sehr viel einstecken musste - eine echte Sportlerin, die sich aller Widrigkeiten zum Trotz nach oben gekämpft hatte. Die Tatsache, dass sie es angesichts ihrer Kindheit und Jugend so weit geschafft hat, ist wirklich erstaunlich. Sie ist beinahe unverwüstlich und lässt sich nicht von ihrem Weg abbringen.«
Während der Weltpremiere auf dem Toronto International Filmfestival beobachtete Margot Robbie genau die Reaktionen des Publikums. Die Szene, in der Jeff Tonya ins Gesicht schlägt, löste blankes Entsetzen aus. Sie erinnert sich im Gespräch mit Entertainment Weekly: »Ich dachte: ‚Wow, niemals werden sie Jeff das verzeihen‘«, doch als Jeff kurze Zeit später einen scheinbar harmonischen Moment mit Tonya hat, war das dennoch der Fall. »Das ganze Publikum sagte „Awww!“, als ob sie dachten, er sei der süßeste Mann aller Zeiten. Und ich dachte mir ‚Mein Gott! Ihr habt ihm so schnell verziehen!‘«
Das Publikum durchlebt einen Kreislauf, den Tonya mit ihrem Mann auch so erleben musste. In Interviews sagte sie selbst, dass sie immer zu ihrem Mann zurückgehe, weil »er immer die richtigen Sachen sagt, um mich zurückzuholen, und ich war dumm genug, um zurückzugehen und wieder verprügelt zu werden.« Ein entscheidendes Stilmittel des Films war daher, die Grenze zu durchbrechen, die nur selten Einsatz findet, bei der die Figuren im Film in die Kamera blicken und die Zuschauenden direkt ansprechen. Gegenüber Entertainment Weekly erklärte Craig Gillespie, dass es für ihn entscheidend war, das Publikum einzubeziehen, damit es »eine Wahl treffen muss«.
Man weiß nicht genau, wie sich der Nancy-Kerrigan-Vorfall letztlich tatsächlich zugetragen hat, doch man gewinnt den Eindruck, dass Tonya Harding das Opfer ihrer eigenen Begleitumstände und gesellschaftlichen Beziehungen geworden war. Und wenn sie am Ende das Gericht anfleht, bekommt man eine ordentliche Portion Mitleid mit ihr, was vermutlich auch von den Machern des Films beabsichtigt war, allein um den Ruf der beiden Eiskunstlaufikonen nicht weiter zu schädigen, sofern dies überhaupt noch möglich sei.
»You fuck dumb, you don't marry dumb!«
Margot Robbies Darstellung ist wundervoll, vor allem, da sie sich im Eiskunstlauftraining wirklich reinkniete. Die Schnitte mit den Originalaufnahmen beim Eiskunstlauf sind teilweise wirklich unauffällig, was dem Ganzen einen noch realeren Bezug gibt. Doch der geheime Star des Films, der im Nachhinein oft persifliert wurde, ist Allison Janney, die Tonyas Mutter mit solch einer Schroffheit, und vor allem überzeugend entstellenden Maske, spielte, dass es kaum Zweifel gab, dass sie einen Oscar® dafür bekommen würde.
Die Rolle der LaVona war tatsächlich von Anfang an für sie geschrieben worden, da sie mit dem Drehbuchautor befreundet ist, dem sie einen Großteil ihrer Dankesrede widmete. Sie war außerdem in ihrer Jugend Eiskunstläuferin, bevor ein Unfall ihre Karriere beendet hat und sie ins Schauspielfach wechselte. »Ich habe dem Eiskunstlauf den Rücken zugekehrt, aber nie aus meinem Herzen verbannt. Daher wusste ich natürlich, wer Tonya und Nancy waren. Diese Geschichte und ihren Verlauf werde ich niemals vergessen«, sagt die Schauspielerin, die ihre Rolle zur Golden-Globe®-Verleihung mit einem Kleid persiflierte, dem eine Vogelattrappe auf die Schulter genäht wurde.
Für die äußerliche Verwandlung in LaVona verließ sich Allison Janney auf das Talent der Maske und Garderobe. Gemeinsam schufen sie eine unvergessliche modische Präsenz im Film - samt Perücke, Pelzmantel und Sittich. »Sie hat eine ziemlich ungewöhnliche Frisur, die wohl nur wenige von uns in Betracht ziehen würden«, sagt sie. »Wir übernahmen alles, was wir in der Doku des Yale-Studenten sahen und verwendeten es in der Interviewszene, in der über die Ereignisse während der Olympischen Spiele in Lillehammer geredet wird.«
Der Sittich mit dem Namen Little Man löste bei der Schauspielerin die Angst aus, dass er ihr in einer zentralen Szene die Schau stehlen könnte. »Tiere spielen einen immer an die Wand«, erläutert sie. »Ich hatte keine Zeit, mich mit dem Vogel anzufreunden, aber ich habe mich sofort in ihn verliebt. Sein Trainer hat ihn mir auf den Finger gesetzt, und plötzlich war er auf meinem Pelzmantel und versuchte, aus meinem Glas zu trinken. Er knabberte an meinem Ohr, während ich versuchte, mich auf meinen Text zu konzentrieren. Es war zauberhaft.«
Teils dokumentarisch, teils privat, teils fiktiv schuf Craig Gillespie, der bereits mit Lars und die Frauen und der Serie Taras Welten extravagante Figuren gekonnt inszenieren konnte, einen interessanten, teils schwarzhumorigen, aber immer ehrlich wirkenden Einblick hinter die Kulissen dieser Medienschlacht, was von der Machart her an Filme wie The Wolf of Wall Street oder The Big Short erinnert in denen Frau Robbie ebenfalls mitwirkte. ■ mz
18. März 2018

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I, Tonya
P.S. Ich liebe dich
Seite an Seite
Lars und die Frauen
Taras Welten



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