Montag, 11. Dezember 2017
Professor Marston and the Wonder Women
Die Marstons mit Olive im Hinterzimmer von Charles Guyette
© Sony Pictures

Nach dem unerwartet großen Erfolg von Patty Jenkins' Wonder Woman, war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand die unglaubliche Entstehungsgeschichte der Comics verfilmt. Angela Robinson, die neben der Regieführung auch noch das Drehbuch geschrieben hat, feierte 2004 ihr Debüt mit der Actionkomödie Spy Girls - D.E.B.S. und ließ ein Jahr später Lindsay Lohan einen gewissen VW Käfer namens Herbie fahren, ist selbst Fan der Comics und las zu jener Zeit ein Buch über die Entstehungsgeschichte von „Wonder Woman“.

Nach ihrem mäßigen Erfolg auf der Leinwand, wandte sie sich dem Fernsehen zu und produzierte Serien wie The L Word - Wenn Frauen Frauen lieben, Hung - Um Längen besser, True Blood und How to get away with Murder. Als dann Wonder Woman in Zack Snyders Batman v Superman: Dawn of Justice auftreten sollte, um später in einem eigenständigen Film zelebriert zu werden, wurde die Neugier der Medien um diese Figur und dessen Schöpfer geweckt, wozu auch Jill Lepores Buch „The secret History of Wonder Woman“ gehörte, das in Auszügen auch 2014 im New Yorker publiziert wurde und zum Bestseller wurde.

Angela Robinson traf dann eines Tages auf die Schauspielerin Amy Redford, die darauf bestand, das Drehbuch zu lesen, das keinen Abnehmer fand, weil unabhängige Filme schwer zu finanzieren sind und einige Leute einfach nicht verstehen, worum es darin geht. »Ich meine, immerhin habe ich ein Liebesdreieck geschrieben, in dem sich die Hauptfiguren mit Fesselspielen beschäftigen«, sagt die Regisseurin. »Nebenbei kreiert einer von denen „Wonder Woman“, und ich bat die Lesenden, für deren Liebe die Daumen zu drücken. Das ist ein wenig viel verlangt.«

Amy Redford verliebte sich sofort in das Drehbuch. »Das Drehbuch war zeitgemäß und gut strukturiert und bewegend und interessant und sonderbar«, schwärmt sie. »Ich konnte gar nicht glauben, dass die Geschichte noch nie zuvor erzählt wurde! Nicht nur die weiblichen Hauptfiguren waren originell und facettenreich, auch die männliche Hauptrolle, Professor Marston, war ebenfalls eine komplexe Figur. Normalerweise bekommt man solch eine Kombination aus faszinierenden männlichen und weiblichen Figuren nie gleichzeitig in einer Geschichte.«

»Men's minds are way too far limited. That's why we have women.«

Wenn hinter jedem großartigen Mann eine großartige Frau steht, hatte Harvard-Psychologe Dr. William Moulton Marston das große Glück, zwei davon zu haben - seine Ehefrau Elizabeth und die gemeinsame Geliebte Olive Byrne, die zunächst als Studentin in Professor Marstons Klasse kam und schon bald zu seiner Assistentin wurde, denn der Professor arbeitete u.a. an der Entwicklung eines Lügendetektors.

Was folgt, ist nicht nur eine Liebesgeschichte mit drei Ecken, sondern viel mehr eine über gegenseitiges Geben und Nehmen - intellektuell, emotionell und sexuell. Während sich die Drei nach und nach immer näher kommen, schaffen sie es nicht nur, gemeinsam den Lügendetektortest zu perfektionieren. Die Frauen helfen ihrem Mann auch bei dessen zukunftsorientierten menschlichen Forschungsstudien und inspirierten ihn dazu, die feministische Superheldin Wonder Woman zu kreieren - eine barrierenbrechende, konventionensprengende Heldin, die in den letzten acht Dekaden Millionen Menschen begeisterte.

Der Film springt außerdem immer wieder zwischen zwei Zeitebenen hin und her, denn Prof. Marston muss sich vor dem Redaktionsbeirat, respektive der Kinderbuchexpertin und Leiterin des Kinderstudienvereins Josette Frank rechtfertigen, denn diese war keine Freundin der Wonder-Woman-Comics und wegen der „sadistischen Teile, in denen Frauen in Ketten gelegt, gequält usw. werden“ schockiert. Man sieht auch, wie diese „verwerflichen“ Comics zusammengekarrt weden, um sie auf Scheiterhaufen zu verbrennen.

»I wonder if you are the one with the secret identity.«

Professor Marston war besessen davon, die Geheimnisse von anderen Menschen zu erfahren, weshalb er auch den Lügendetektor entwickelte, den Wonder Woman in aktualisierter Form des Lassos gebrauchte, dessen Gefangene nur die Wahrheit sagen können. In einem WW-Comic ließ er übrigens Diana auch Steve Trevor anbieten, sie einem Lügendetektortest zu unterziehen. Er entwickelte auch seine DISC-Theorie, mit der er Menschen in Kategorien einteilte, wie sie sich selbst einschätzen und mit ihrer Umgebung interagieren.

Der Film seziert seine Figuren auch nach diesem Muster und lässt sie ihre sexuellen Perversitäten immer weiter erforschen, was ihn zu einem der erotischsten Filme unserer Zeit macht, auch wenn er ohne großartige Sexszenen auskommt. Die Marstons und ihre Dreierbeziehung, in der sie Jahre lang zusammenlebten, waren, was Toleranz und polyamouröse Beziehungen angeht, ihrer Zeit weit voraus. Beide Frauen brachten sogar jeweils zwei Kinder zur Welt!

Auch die Chemie stimmt - die der Schauspieler wie auch die der warmen und weichen Bilder, die Bryce Fortner einfängt. Rebecca Hall findet den Film, abgesehen von den historischen Aspekten, sehr unterhaltsam: »Er bringt dich wirklich zum Lachen und Weinen. Er besitzt eine Fülle an Gefühlen, nach denen sich die Leute sehnen, wenn sie ins Kino gehen.«

Bella Heathcote findet darüber hinaus, dass sich das zeitgemössische Publikum ganz gut mit den Figuren im Film identifizieren kann: »Es geht in der Geschichte um Leute, die ihren Platz im Leben zu finden versuchen, und wer kann sich nicht damit identifizieren? Es ist auch eine wunderschöne Liebesgeschichte, und man sieht, wie diese Leute über die Jahre hinweg wachsen und sich verändern. Man sieht, wie sie mit ihren Beziehungen und Karrieren und ihrem Selbstbewusstsein kämpfen und sich am Ende bessser zurechtfinden. Ich denke, das Publikum wird mit dieser Reise sehr zufrieden sein.«

»Ich denke, die Leute werden Wonder Woman in einem völlig anderen Licht sehen, wenn sie diesen Film gesehen haben«, sagt Produzentin Amy Redford. »Sie werden beeindruckt sein, wie diese ikonische Figur aus dem wahren Leben herausgebildet hat. Aber auch wenn man keinen speziellen Bezug zu Wonder Woman hat, so haben doch alle eine Familie, eine Geschichte und das Wissen um die Schlachten, die Frauen in der Vergangenheit führten, selbst heute noch. Es gibt so viele Wege, diesen Film zu erfahren.«

»Er hat eine kraftvolle Botschaft über das Wesen der Liebe und Akzeptanz und den Mut, zu sein, wer man sein will«, sagt Angela Robinson abschließend. »Wonder Womans Mission ist es, die Gewalt zu stoppen, den Krieg zu beenden und für Frieden einzustehen. Das ist das, was ich aus dieser Erfahrung mitgenommen habe, und ich hoffe, dass es auch das ist, was jeder daraus mitnehmen wird.«

Wie M.C. Gaines im Film den Titel von Marstons Comic auf „Wonder Woman“ kürzt, macht man diese Assoziation auch bei diesem filmischen Werk. Er wirkt ein wenig sperrig und wird im Deutschen oft im Singular fehlbetitelt. Aber der Film ist so komplex, und schwer in eine Schublade zu packen, dass man diese Sperrigkeit einfach hinnehmen muss. Auf jeden Fall wirkt er mit all seiner Schrägheit und Treue zum Detail eher wie eine richtig schöne britische Dramödie als „made in Hollywood“ und ist für mich einer besten Filme des Jahres! ■ mz

30. Oktober 2017

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